Juli 3, 2008...9:31

Antonio Vega Macotela, VICE Volume 4 Number 6 – Mexiko

Zu den Kommentaren

“[...] Ich habe angefangen, das Gefängnis zu besuchen, weil ich seit über sechs Jahren an einem Kunstprojekt arbeite, in dem es um das Konzept der Zeit geht. Die Institutionen haben sich der Zeit bemächtigt. Sie haben sie uns entzogen. Mit Hilfe dieses, zugegeben etwas marxistischen, gedanklichen Rahmens war es für mich klar ersichtlich, dass Zeit in Produktion umgewandelt worden ist und Produktion dann in die Verteilung von Konsumgütern. Unsere Arbeitszeit wird in Lohn umgewandelt und unsere Freizeit in Konsum. Wir können Zeit also anhand von Rechnungen und Geldstücken messen. In dem Moment, wo Zeit in Stunden, Minuten und Sekunden unterteilt wird, anstatt als gelebte Zeit erfahren zu werden, nun, in diesem Moment, wird sie uns weggenommen. Sie ist nicht mehr subjektiv, sondern objektiv. Zeit ist aber keine Repräsentation einer beliebigen Summe ihrer Einheiten. Die einzigen Arten, Zeit wirklich zu erleben, sind das freie Handeln und die persönlichen Momente, die wir in ihr erschaffen. Und indem ich diesen Gedanken weiterverfolgt habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ein Gefängnis eine Art physischer Repräsentation dieser Idee einer enteigneten Zeit ist. Zeit abzusitzen – für andere Zeit abzusitzen und den Befehlen anderer zu folgen. Ich begann also, ein Gefängnis zu besuchen, um zu einem besseren Verständnis dieses Konzepts zu kommen. [...]

Nachdem ich mich mit ein paar der Insassen angefreundet habe, schlug ich ihnen einen Deal vor. Ich würde an einem speziellen Tag und zu einer festgelegten Zeit außerhalb des Gefängnisses einen gemeinsam ausgehandelten Zeitraum damit verbringen, Dinge für sie zu erledigen. Zur selben Zeit würden sie für mich Dinge tun, um die ich sie als Künstler bat. Keiner von uns würde seine Zeit verschwenden. Wir würden die Zeit vielmehr einfach austauschen. Ziemlich oft verlangten sie von mir, einfach ihren Platz in der wirklichen Welt einzunehmen. Ich habe die Gräber ihrer Brüder besucht und ein paar Worte aufgesagt. Ich habe ihre Väter um Vergebung gebeten. Ich bin mit ihren Müttern tanzen gegangen. Ich habe ihre Söhne getroffen und war einen Tag ein Vater für sie. Ich habe einem sterbenden Verwandten in einem Krankenhaus einen Brief vorgelesen. [...]

Weil unsere Körper unsere einzige subjektive Art sind, um Zeit zu messen, bitte ich sie im Austausch für meine Dienste normalerweise darum, mit ihrem Körper die Zeit zu messen. Ich sage zum Beispiel: ‘Du willst, dass ich für deine Familie koche? OK. Dann wirst du in diesen drei Stunden, deine Hand auf deinen Hals legen und auf einem Stück Papier für jeden Herzschlag den du spürst, einen Strich machen. Du wirst mir alle deine Herzschläge von diesen drei Stunden geben.’ Und weil wir unsere Aufgaben zur selben Zeit erledigen, entsteht zwischen uns eine merkwürdige und sehr starke Verbindung. [...] Für eine Weile werden sie ich und ich sie.”

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